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„Alarm im Napf“

aus „Der Spiegel“, Ausgabe: 36/2008

 

Mit wachsender Begeisterung verfüttern Hundehalter rohes Fleisch an ihre Tiere.

Forscher warnen: Es drohten fatale Folgen für Hund und Mensch.

 

Dem Wolf beim Fressen über die Schulter zu schauen scheint wenig ratsam. Die Prozedur sieht einfach zu

unappetitlich aus: In wüster Gier verschlingt der Räuber seine Beute mit Knochen, Haaren und Gedärm.

Nach der Völlerei leidet er zunächst an Dünnpfiff. Erstaunlich also, dass die Besitzer von

Yorkshire-Terriern, Pudeln oder Labradoren für ihre Lieben in wachsender Zahl ein Futterprogramm

einfordern, das jenem des Hundeherrn entspricht. Wie der Wolf sollen seine häuslichen Artgenossen

demnach vor allem rohes Fleisch und Gemüse vertilgen. Die Methode nennt sich Barf (Biologisch

artgerechte Rohkostfütterung) und wird in Deutschland immer beliebter. Schöpfer dieser Futterideologie

ist der australische Veterinär Ian Billinghurst. Nach eingehender Beobachtung gichtiger und hüftlahmer

Hunde gelangte der Viehdoktor zu der Erkenntnis, dass modernes Trockenfutter die Gesundheit der Tiere

ruiniert. Rettung verheiße einzig eine stramme Rohkostdiät, wie sie der in den Wäldern umherstreifende

Canis lupus gemäß seiner Natur bevorzugt. Seit Billinghurst seine Einsichten in einem zum Bestseller

avancierten Buch publizierte, „barfen“ Tierhalter in aller Welt fleißig um die Wette. Dass Tierärzte

zumeist von dem Treiben abraten, bringt die Apostel der Frischkost in Wallung: „Wie wurden wohl die

ersten domestizierten Hunde gefüttert? Sicher nicht mit Frolic!“, meint ein Mitglied von DogForum.de im

Internet. Skeptiker werden denn auch rasch verdächtigt, mit den Monopolisten der Futtermittelindustrie

zu konspirieren. Denn linientreue Barfer kaufen ihre Kost nicht bei Fressnapf & Co, sondern beim

Schlachter und auf dem Gemüsemarkt. Wenngleich deutlich kostspieliger und aufwendiger, rechtfertigen

angeblich wundersame Erfolge die Mühen: Kränkelnde Köter verwandelten sich dank Barf in kerngesunde

Wildfänge. Dass sich die behauptete Wunderkur wissenschaftlich kaum unterfüttern lässt, ficht die

Rohkostfans nicht an. „Mir ist keine Studie bekannt, welche die positiven Effekte des Barfens belegen

würde“, sagt Josef Kamphues, Direktor des Instituts für Tiernahrung der Tierärztlichen Hochschule

Hannover. Der gegenwärtig zu beobachtende Eifer der Barfologen trage nahezu religiöse Züge. „Das ist

eine Glaubensfrage“, konstatiert der Wissenschaftler. Weit schlimmer: Diverse Untersuchungen zeigen,

dass die Modeerscheinung fatale Folgen für Hund und Halter haben kann. „Man holt sich mit dem rohen

Fleisch Dinge ins Haus, die man da gar nicht haben will“, warnt Kamphues. Kanadische Veterinärmediziner

fanden in verschiedenen Analysen heraus, dass die rohen Leckereien für Hunde häufig mit Salmonellen

verunreinigt sind- Alarm im Napf. In industriell hergestelltem Trockenfutter sei die Zahl entdeckter

Bakterien hingegen gleich null. Einem mit Salmonellen infizierten Hund aber drohen Durchfall, Erbrechen

oder sogar der Exitus. Beunruhigender noch, dass die für den Menschen hochinfektiösen Krankheitserreger

sich mindestens sechs Wochen lang im Hundekot finden- selbst wenn die Tiere überhaupt keine Symptome

zeigen. Die Verbreitung der Erreger gelingt mühelos, weil zahlreiche Haushunde die Gelegenheit erhalten,

ihre Fäzes in Ehebetten und Sofaecken zu verschmieren. Doch selbst bei vergleichsweise rigider Haltung

des Hundes besteht Gefahr- etwa wenn die Tiere nach Verzehr kontaminierter Innereien die Hand ihres

Herrchens lecken. Nicht minder heikel, wenn sich Kinder unwissentlich in Spuren des Fraßes suhlen, die der

Kläffer auf dem Küchenboden verschlabbert hat. Schon das Befüllen des Napfes und unachtsames

Hantieren mit dem Frischfleisch bergen ein Risiko. „Es gibt einen Mangel an Informationen darüber, wie

die Rohkostdiät die Gesundheit von Mensch und Tier beeinträchtigen kann“, kritisieren jetzt

Wissenschaftler des Ontario Veterinary College in einer Studie. Die Forscher fordern eine strengere

Unterweisung der Barf-Adepten in häuslicher Hygiene- insbesondere wenn Kinder und ältere Menschen im

Haus leben. Den offenkundigen Risiken zu Trotz beharren die Parteigänger Ian Billinghurts darauf, dass

jeder Dackel fressen und verdauen müsse wie ein Wolf. Dass der Verdauungstrakt des Haushundes nach

etwa 15000 Jahren der Domestizierung und nach zahllosen Überzüchtungen noch viel Ähnlichkeit mit der

Darmtätigkeit des Wolfes aufweist, bezweifeln Kritiker des Barf-Kults allerdings. Und wo ist der

Mediziner, der jemals jene mysteriösen Verdauungsenzyme dingfest gemacht hätte, die nach Behauptung

der Barf-Anhänger im Hundeleib durch über 80 Grad erhitzte Speisen zerstört würden? „Im Gegenteil ist

es so, dass Fleisch und Gemüse durch das Kochen auch für Hunde besser zu verdauen sind“, sagt

Ernährungsexperte Kamphues. Womöglich lässt die noch vergleichsweise junge Bewegung erst von ihrem Tun

ab, wenn sich Hiobsbotschaften wie jene von DeineTierwelt.de-Nutzerin „Ines“ häufen: „Ich barfe jetzt

seit circa zwei Wochen“, tat die Hundenärrin kund- doch es geschehe mit zweifelhaftem Erfolg. Ihr

„Chester“ sei vom rohen Fressen deutlich abgemagert. Besorgt berichtete sie dem Publikum: „Seine Rippen

und Hüftknochen kann man ganz doll fühlen.“

 

Ein Text von Frank Thadeusz

 

 

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